Ein Friedhof für Daten
Aachen, 2016

Idee
Seit jeher ist der Tod ein elementarer Bestandteil unseres Lebens und wurde in den unterschiedlichsten Kulturen und Religionen in Bestattungszeremonien ritualisiert.
Der Tod ist die Spaltung des Geistes vom Fleisch.
Der Schmerz und die Sehnsucht, die ein Verstorbener den Hinterbliebenen hinterlässt, sind physisch nicht greifbar, und so erschaffen wir reale Artefakte, die von unserer Existenz zeugen und ihre Erinnerung hochleben lassen.
Seit der Vernetzung der Welt haben wir begonnen, unsere Persönlichkeit in digitale Sphären auszuweiten. Was nach unserem Tod dort verbleibt, entzieht sich zumeist vollständig unserem Einfluss. Im Grunde werden unsere Daten nur zu einem ironischen Spiegelbild des echten Artefakts, scheinen sie doch in den Tiefen des Cyberspace erst wirklich den Status der Unsterblichkeit zu erreichen. Die hohe Priorität, die digitale Medien mittlerweile in unserer Gesellschaft haben, ja die sie regelrecht am Leben hält, ließ mich schließlich nach einem Datenbestattungsritual suchen. Obwohl wahrscheinlich niemals eine vollständige Löschung aller im Internet kursierenden Daten erreicht werden könnte, dient ein solches Ritual dazu, diese Daten wieder zu vermenschlichen und greifbar zu machen.
Ich suchte einen Weg, der die geistliche und ethische Konfrontation mit dem Tod und die theoretische Unendlichkeit unserer digitalen Fußspuren in Einklang bringt und dabei auch der flüchtigen und technischen Realität von Daten gerecht wird.
Ritual und Raum
Ich entwickelte eine Maschine, die das Bestattungsritual vollzieht. Der Mensch wird zum Prozessor. Die Architektur folgt in ihrer Gestalt den einzelnen Maschinenkomponenten.
Dabei wird sie durch eine Aneinanderreihung von Räumen gebildet, in denen die Teilnehmer der Datenbestattung durch eine intermediale Ausstellung geführt werden und ihre Verwandlung in einen digitalen Datenstrom inszeniert wird. Sie übernehmen schließlich die Rolle des ausführenden Prozesses, der die Datenbestattung vollstreckt.
Datenbestattung starten
Die zu bestattenden Daten werden von der Gemeinde auf einem üblichen USB-Stick mitgebracht. Sobald man die lange Eingangstreppe auf einer Seite hinabgestiegen ist und hinter der Konstruktion verschwindet, hat man bereits die erste Schwelle in die digitalen Sphären des Verstorbenen überquert. Man betritt einen quadratischen Raum mit einem Sockel in der Mitte, der die Besucher förmlich zum Einstecken des USB-Sticks auffordert. Die Daten werden in das System geladen und das Ritual beginnt.
Betreten des digitalen Cyberspace
Es öffnet sich eine Tür, durch die man in ein Labyrinth gelangt, dessen Wände durch das quadratische Raster gebildet werden, auf dem auch das restliche Gebäude aufbaut. Eine hell-türkise Lumineszenz der Konstruktion als einzige Lichtquelle und verspiegelte Innenwände erzeugen die Illusion, man verschwinde vollständig in der Unendlichkeit des digitalen Koordinatenrasters. Den Besuchern stehen beim Betreten zwei mögliche Wege zur Auswahl, das Labyrinth zu durchschreiten. Je nachdem, für welchen man sich entscheidet, wird man im fortlaufenden Prozess entweder mit dem Wert 1 oder dem Wert 0 binär kodiert.
Physisches Löschen
Im folgenden Raum erscheinen auf LED-Wänden Bilder, Nachrichten oder Lieblingsmusik, die in unterschiedliche intermediale Installationen eingebettet sind. Dabei lösen sich Porträts durch Antippen auf, zerfließen an den Stellen, an denen der Blick des Betrachters über das Bild wandert, zerspringen zu Scherben oder verändern ihre Farbwerte bis zur Unkenntlichkeit. Die physische Aktion der Teilnehmer wird hier also zur treibenden Kraft, die die Bilder verblassen lässt und auslöscht.
Es konnten nicht alle Dateien gelöscht werden
Eine Warnmeldung, die jedem bekannt sein dürfte, illuminiert den Raum, als beinahe alle Installationen von den Besuchern durchexerziert wurden. Man wird zu einem manuellen Löschverfahren aufgefordert, das durch das einfache Klicken auf ein „OK“ auch gleich gestartet wird.
Man gelangt in einen Raum, dessen Decke und Boden aus einem quadratischen Raster aus 16 × 16 Feldern besteht. Die 256 Felder stehen stellvertretend für die Anzahl an Werten, die ein Byte annehmen kann.
Das nicht zu löschende Bild erstreckt sich über das Raster. Betritt man eines der Rasterfelder, verdunkelt sich die Kachel und der entsprechende Bildausschnitt erstrahlt in der Decke. Je nachdem, ob die Besucher anfangs rechts oder links abgebogen sind, überschreiben sie das Bild hier mit dem von ihnen verkörperten Wert. Dadurch wird die Datei durch eine zufällige Abfolge von 0 und 1 überschrieben. Die Teilnehmer ahnen zu diesem Zeitpunkt nicht, dass sie sich gerade in einer Camera Obscura befinden, die am Ende noch eine Überraschung für sie bereithält.
Datenbestattung beenden
Anschließend betritt man einen Raum, der jedem der Teilnehmer bekannt sein dürfte. Hier hat man den USB-Stick in den Sockel gesteckt und die Prozession begonnen. Nach dem Entfernen des Sticks verlässt man das Gebäude allerdings nicht dort, wo man es betreten hat, sondern wird eine Treppe in den oberen Teil der Camera Obscura hinaufgeführt.
Das letzte Bild, das zuvor an die Decke projiziert wurde, wurde abgelichtet und auf ein Trägerpapier übertragen. Die verwendete Technik stammt aus den Kindertagen der Fotografie und nennt sich Daguerreotypie. Dabei handelt es sich um ein Direktpositiv-Verfahren, sodass kein Negativ entsteht, sondern direkt das entwickelte Foto. Wie in einer Belichtungskammer ist auch hier der Raum in ein sattes rotes Licht gehüllt, um die Abbildung nicht zu verfälschen.
Der letzte Schritt des Fixierens wird hier bewusst übersprungen. Die Prozessionsgemeinde nimmt das Abbild und verlässt den Raum auf das Dach des Gebäudes. Das Tageslicht belichtet die Abbildung weiter, bis das Motiv schließlich völlig verblasst. Was letztlich bleibt, ist die Erinnerung, die in dem weißen Blatt Papier verkörpert wird. Die Daten auf dem USB-Stick sind nach der Datenbestattung gelöscht.
Was bleibt, ist die Erinnerung.
Wo Erinnerungen ihre letzte Ruhe finden
Man verlässt das Gebäude über das Dach, das sich als öffentlicher Ort von allen Seiten erschließen lässt. Das Blatt, das zum Erinnern auffordert, wird hier zum wiederbeschreibbaren Datenträger, der der Erinnerung eine kreative Leinwand bietet. Es ist jeder Trauergemeinde selbst überlassen, das Blatt in irgendeiner Weise zu modifizieren, dort auszustellen oder mit nach Hause zu nehmen. Dieser Ort präsentiert das physische Relikt einer Datenlöschung und erzeugt einen gesellschaftlichen Ort der Wiederkehr.
Beteiligte
Projekt M3: Masterthesis
Lehrstuhl für Gebäudelehre, RWTH Aachen
Prof. Anne-Julchen Bernhardt
Lehrstuhl für Architekturtheorie, RWTH Aachen
Prof. Axel Sowa

